immersion

Ab jetzt immersiv!?

Lesezeit: 3 min.

Die Begrifflichkeiten im heute um uns herum wachsen ebenso rasant an, wie die Gesellschaft sich wandelt. Zumindest stelle ich das vermehrt fest.

Geht es ihnen auch so: Da kommt ein neuer Begriff – und schon platziert dieser sich so als alter Bekannte und als gäbe es ihn schon immer. Sicher gibt es diesen Begriff. In der Kommunikation war dieser aber einige Zeit im Rückraum. Im Hinterzimmer. Oder hinter dem Vorhang. Jetzt, wo er sich vor den Vorhang ins Rampenlicht geschleudert – jetzt reden wir alle damit und auch darüber. Nur ein kurzlebiger Trend – oder steckt da mehr dahinter? Verstehen sie das?

Wir reden über immersive Kunst, immersiver Sound, immersive Computing und über vieles mehr. Was genau bietet uns dieser Begriff heute und wofür kann auch ich diesen Begriff nutzen.

„Das Wort „immersiv“ leitet sich vom englischen Begriff „immersion“ her, was auf Deutsch so viel wie „Eintauchen“ oder „Vertiefung in eine Sache“ bedeutet. Das Wort ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts und beschreibt den Effekt, den virtuelle oder fiktionale Welten auf den Betrachter haben: Die Wahrnehmung in der realen Welt vermindert sich und der Betrachter identifiziert sich zunehmend mit der fiktiven Welt, er taucht sozusagen komplett in die Scheinwelt ein.“

Drinnen und draußen. Eine Arbeit von Doug Wheeler im immersiven Gropius-Bau.FOTO: BERLINER FESTSPIELE/2014 DOUG WHEELER. COURTESY DAVID ZWIRNER, NEW YORK; PHOTO: TIM NIGHSWANDER
Drinnen und draußen. Eine Arbeit von Doug Wheeler im immersiven Gropius-Bau.FOTO: BERLINER FESTSPIELE/2014 DOUG WHEELER. COURTESY DAVID ZWIRNER, NEW YORK; PHOTO: TIM NIGHSWANDER

Der TAGESSPIEGEL fragt: Modeerscheinung immersive Kunst – was wollen die Berliner Festspiele und das „Dau“-Projekt damit? Immersion als inszenierte Vereinnahmung – mit oder ohne 3D-Brille, aber mit Ansage. Nicht wenige Konsumenten finden das schick, verwechseln Gängelung mit Teilhabe. Das immersive, partizipative Spiel ist abgekartet und oft banal.
Erklärungsversuch: Da kommt die „immersive Kunst“ ins Spiel. Es ist mehr als ein Modewort, eher schon eine Bewegung, angetrieben von Kulturmanagern wie Thomas Oberender, die darin eine einmalige Chance sehen, sich zu profilieren und abzusetzen vom Mainstream. Was auch ein sicheres Rezept sein kann, in eben jenem Hauptstrom zu verschwinden. Als immersiv preisen sich die Wiener Festwochen und die Ruhr-Triennale an, auf Santorini gibt es eine Immersivia-Biennale. Und weiter: Hier bietet sich nun eine Begriffsklärung an: Immersion bedeutet Unterwerfen. Die „Dau“-Unterstützer verbeugen sich vor der Allmachtsfantasie eines Künstlers, der eine Sehnsucht nach totalitären Strukturen erfüllt. Künstler probieren, weil es ihnen wohl in der Demokratie langweilig wird, ein bisschen Diktatur aus. Hinter der Übung steht das Geld eines Unternehmers, der mit Mobilfunklizenzen in Russland reüssiert hat. Das geht dort nicht ohne Kontakte der Geheimdienste. All das ist nicht unbedingt illegal, schon gar nicht in Russland, aber das muss nicht der ideale Partner für eine vom Bund finanzierte Einrichtung wie die Berliner Festspiele sein. „Fake News“ bedeutet in der Vorstellung von US-Präsident Donald Trump kritische Presse; er würde sie am liebsten verbieten. Die Parallelwelt, wie sie Trump gefällt, lebt auf „Fox News“ und in Steve Bannons Verschwörungstheorien. Sie sind hochgradig immersiv und subversiv. Und erfolgreich. Trump stört sich an CNN und der „Washington Post“, nicht aber an russischen Hackern, Agenten und Finanzleuten, die US-Systeme durchdringen. „Dau“ erinnert von fern an diese unfasslichen Vorgänge.
(Quelle: TAGESSPIEGEL)

alles

 

Schreibe einen Kommentar

Go to Top